Corona: Wie hat sich die Klinik Werneck verändert?

17. September 2020

Im Januar eine noch unbekannte Krankheit, im März ein vollständiger Lockdown mit Verbot elektiver Operationen – hinter uns liegt eine Achterbahnfahrt. Was wir schon heute sagen können: Corona wird das Krankenhaus auch dauerhaft verändern.

“Dabei fing das Jahr ganz harmlos an.”

Dabei fing das Jahr ganz harmlos an. Ehrgeizige Ziele, wieder mehr Operationen, wieder einige innovative Projekte in der Klinik. Alles wie immer, das beherrschende Thema schien der Personalmangel in allen Bereichen, aber von dem redet in Deutschland gerade niemand mehr. Wie ein Tsunami kam „Corona“ über uns, eine Virusgruppe, die wir irgendwann einmal im Studium gelernt hatten. Kann uns eine ausgehend von Fledermäusen und Schuppentieren lebensgefährliche Pandemie drohen? 

Hygienekommission Corona: Treffen im 2-Tagesrhythmus

Auch unter Profis herrscht bis heute ein breites Meinungsspektrum. Es reicht vom völligen “Negierer” bis hin zum Crashpropheten. Dazwischen sitze ich als Krankenhaushygieniker und Ärztlicher Direktor. Im 2-Tagesrhythmus treffen wir uns – die „Hygienekommission Corona“. Wir diskutieren die neuesten wissenschaftlichen Arbeiten, die Vorgaben vom Robert-Koch-Institut, Regierung und Gesundheitsamt. Um es klar zu sagen: Ein Chirurg ist Berufsoptimist. 

Vorzeitige Umrüstung

In meiner Rolle als Krankenhaushygieniker bin ich jedoch Pessimist. Als Erstes bestelle ich FFP2-Masken und die ersten verfügbaren Corona-Schnelltests. Erstere kommen irgendwann – unerlässlich, um den Betrieb aufrechterhalten können. Der Schnelltest ist mittlerweile auch eingetroffen. Tatsächlich werden Schutzausrüstung und medizinische Güter teilweise in China zurückgehalten und nur nach Intervention durch den Deutschen Botschafter nach Europa verschickt. Dann das Vorgehen der Regierung: Besuchsverbot im Krankenhaus, Mund-Nasen-Schutz, Pandemieplan, Schutzausrüstung… . Allen diesen angeordneten Maßnahmen sind wir in unserer Klinik eigentlich immer 2-3 Wochen voraus. Dennoch ist die Unsicherheit groß: Worauf soll man sich vorbereiten? Welche Rolle wird unsere Klinik spielen? Am Ende entscheidet das Gesundheitsministerium mit dem von ihm eingesetzten regionalen Krisenstab. 

Unterstützung des Thoraxzentrum in Münnerstadt

Unser Personal verstärkt das Thoraxzentrum in Münnerstadt, das als 2. Verteidigungslinie hinter den Corona-Schwerpunktkliniken steht. Das zurückgebliebene Kernteam übernimmt die unfallchirurgischen Notfälle. Dabei sind auch Corona-positive Patienten. Den ersten Patienten operiere ich selbst, um zu sehen, wie unser Hygienekonzept funktioniert. Ja, es funktioniert. 

Geheimnis des Erfolgs: Maßnahmebündel

Italienische oder französische Verhältnisse bleiben uns in Deutschland erspart. Was im Nachhinein dafür verantwortlich war, werden wir wahrscheinlich nie erfahren. Als Krankenhaushygieniker denke ich ohnehin in sogenannten Maßnahmenbündeln: Hygiene besteht fast nie aus Einzelmaßnahmen, sondern aus Kombinationen. Während ein Einzeleffekt kaum beweisbar ist, zeigt sich, dass die Maßnahmen gemeinsam hochwirksam sind. 

Deutschland vs. Schweden: Deutsche Maßnahmen effektiver

Das deutsche Maßnahmenbündel greift jedenfalls: Dennoch sind über 8.000 Tote bei einer Bevölkerung von 80 Millionen zu beklagen. Vergleicht man dies mit Schweden, mit über 5.000 Toten bei einer Bevölkerung von 10 Millionen, wird deutlich, wie wirksam die deutschen Maßnahmen waren. Über 180.000 registrierte Infektionen sind abgeheilt. Doch die Dunkelziffer ist natürlich viel höher. Die sogenannte Heinsberg-Studie des Bonner Virologen Prof. Streeck wird in den Medien kontrovers diskutiert. Der Faktor, mit dem wir die registrierten Patienten multiplizieren müssen, reicht von 5 bis 25. Als erste Näherung verwende ich erst einmal den Faktor 10 – damit kann ich als Orthopäde einfach rechnen. 

Stetige Gefahr eines Mikroausbruchs

In unserer Frühbesprechung sehen wir uns jeden Tag die Zahlen der Johns-Hopkins-University in Baltimore an – tatsächlich ist die Infografik der „Bild“ die beste. Von 78.000 aktiven Infektionen zum Zeitpunkt des Höhepunkts fällt die Zahl auf unter 8.000 ab. Mit dem „Heinsberg-Faktor 10“ multipliziert muss man von 80.000 aktiven Infektionen ausgehen, von denen 9/10 unerkannt sind. Oder anders ausgedrückt: Jede tausendste Person, der wir begegnen, ist eine Virenschleuder. In der Presse wird immer häufiger von sogenannten „Superspreadern“ berichtet – ein Infizierter steckt eine ganze Kirche oder Hochzeitsgesellschaft an. Oder eine Fleischfabrik mit über 1.000 Infizierten. Solche Mikroausbrüche werden uns dauerhaft begleiten. Was bedeutet das für ein Krankenhaus? Speziell für eine hochspezialisierte operative Fachklinik? 

“Wir können uns keine einzige Infektion leisten.”

Die Antwort ist einfach: Wir können uns keine einzige Infektion leisten. Wir können uns weder leisten, dass sich ein Patient in unserem Haus infiziert, noch, dass ein Patient einen unserer Mitarbeiter ansteckt. In der Praxis heißt das: Der Sicherheitszaun muss so hoch wie möglich bleiben. Konkret besteht er aus den 3 Teilen Kontaktminimierung, Testung und Mund-Nasen-Schutz. Um mit letzterem anzufangen: Der Mund-Schutz wird uns vorhersehbar erhalten bleiben. Hygiene bekommt einen ganz anderen Stellenwert. Für eine Klinik auf hohem Hygieneniveau ist das eigentlich nicht weiter schwierig. Dazu werden alle Patienten und unser gesamtes Team konsequent getestet. Und dies sowohl mit dem Nasen-Rachen-Abstrich als auch mit einem Antikörpertest. 

Engere Verzahnung zwischen Klinik & Reha

Über die Erstattung der Kosten wird vorhersehbar dauerhafter Streit mit den Krankenkassen entbrennen. Viele Reha-Kliniken nehmen aber nur noch Patienten an, die ein negatives Testergebnis mitbringen. Die engere Verzahnung zwischen Akutklinik und Reha ist ein positiver Nebeneffekt. Es bleibt die Kontaktminimierung. Die wichtigste Vorarbeit hier war die Entwicklung des SchnellFit®-Rehabilitationskonzepts. Ein Patient mit Hüft- oder Knieendoprothese bleibt dadurch nur noch für 3 Tage postoperativ in der Klinik. Für diesen Zeitraum erscheint der Verzicht auf Besuch von außen zumutbar. Bisher nehmen die Patienten diese Einschränkung gut an.

Aktueller Stand: Nachholbedarf bei Operationen

Mittlerweile läuft der Laden wieder. Sogar auf Hochtouren, denn es besteht ein erheblicher Nachholbedarf bei den Operationen. Die nach außen verliehenen Kollegen sind wieder zurück. Ein neues Zusammengehörigkeitsgefühl ist trotz oder wegen des Virus spürbar. Der Wert des Arbeitsplatzes in einer Spezialklinik ist vielleicht für den einen oder anderen bewusst geworden. Die Freude, wieder daheim zu sein, ist jedenfalls spürbar.

Ausblick

Was bleibt? Corona bleibt – und damit auch die Veränderung unseres bisher gewohnten Lebensstils. Auch bleibt die Hoffnung, dass Bevölkerung und Politik realisieren, dass Medizin nicht zum Nulltarif zu haben ist. Tatsächlich haben wir es den Krankenhäusern in der Fläche zu verdanken, dass Deutschland die niedrigste Anzahl von Todesfällen zu beklagen hatte. Natürlich hoffe ich, dass unsere Patienten das neue Sicherheitskonzept weiterhin akzeptieren. Mein Rat an Sie: Wenn Sie vor einer planbaren Operation stehen, schauen Sie sich das Corona-Konzept Ihrer Wunschklinik sorgfältig an.